Kinder-Uni im Audimax – Professor Martin Korte startet vor 820 Nachwuchsstudenten eine aufregende Reise durch das Gehirn
Von Harald Duin
Diese Aufmerksamkeit, diese Neugierde! 820 Kinder blicken im Audimax der TU auf Prof. Dr. Martin Korte herab. Schöne Momente im Leben eines Hochschullehrers, der im normalen Uni-Betrieb nicht immer mit soviel Anteilnahme rechnen kann.
Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte, die Kinder-Uni heißt. Keine Braunschweiger Idee, leider. Die Sache wurde 2002 in Tübingen erfunden und sprang wie ein Bazillus auf die anderen Hochschulen über. Und überall gerieten Professoren bei der Frage "Wie sag ich es dem Kinde?" leicht ins Schwitzen.
Das Erfolgsgeheimnis der Kinder-Uni sind die scheinbar simplen, ja trivialen Fragen. Warum fallen Sterne nicht vom Himmel? Warum wachsen Pflanzen? Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig? Warum sind die griechischen Statuen nackt? Warum können Mathematiker nicht rechnen?
2004 ging es in Braunschweig mit der Kinder-Uni los mit Themen wie "Warum klebt Klebstoff?" und "Was macht den Jungen zum Jungen, was das Mädchen zum Mädchen?" Mit solchen Fragen kann man jeden Schullehrer in Bedrängnis bringen.
Nun, am Samstagvormittag, ist Korte dran mit der Frage "Wie lernt das Gehirn?" Erst einmal wirft er mit dem Projektor ein Gehirn auf die Leinwand. Ein furchenreiches Gebilde. Das Gehirn des Mannes ist etwas schwerer als das der Frau. Aber der 42-jährige Professor kann die Mädchen im Audimax beruhigen. Dümmer sind die Frauen nicht.
Korte: "100 Millionen Nervenzellen arbeiten hart, um Sinnesinformationen zu verarbeiten" – sehen, hören, schmecken, fühlen, riechen – die Acht- bis Zwölfjährigen sind beeindruckt und hören mit Freude Kortes Worte: "Ihr lernt immer, im Wachen und im Schlafen. Aber ihr lernt nicht immer das, was die anderen möchten, dass ihr lernt." Korte, einen Kernpunkt der kindlichen Erfahrungswelt beschreibend, genießt spätestens jetzt die volle Sympathie aller Anwesenden. Er spricht über die Synapsen, über die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen. Es gebe 15 Trillionen Synapsen im Gehirn. Eine Trillion ist eine Eins mit achtzehn Nullen. Und weil sich das kein Mensch vorstellen kann, schiebt Korte nach: "Das ist etwa soviel wie alle Blätter im Amazonas-Waldgebiet." Spannende Fragen: Was vergessen wir, was behalten wir? Das Gedächtnis ist offenbar eine Art Filtersystem, das mit Vorrang speichert, was uns zum Beispiel emotional sehr berührt hat. Korte spricht von den "Flaschenhalsstrukturen" des Gedächtnisses. Ein schweres Wort für die Kinder, die aber als Nachwuchsstudenten mit Ausweis innerlich sehr wohl auf Kompliziertes gefasst sind.
Korte zeigt jenen Kurzfilm, den er am vergangenen Donnerstag im Fernsehen bei Johannes B. Kerner gezeigt hat. Zwei Schülerteams spielen Basketball. Korte bittet die Kinder, nur darauf zu achten, wie oft sich die Mannschaft mit den weißen Trikots den Ball zuwirft.
Die Kinder konzentrieren sich, zählen mit. Ihre Aufmerksamkeit ist einseitig verteilt, und so übersehen viele, dass mitten im Spiel ein verkleideter Affe durchs Bild läuft.
So ist vieles, was der Professor erzählt, buchstäblich Nervensache. Nach 40 Minuten ist Schluss der Vorlesung. Was werden die Kinder davon behalten? Dann besonders viel, wenn sie anderen ihre Eindrücke schildern.
Draußen im Foyer: entspannte Mütter und Väter. Ihre Kleinen sind wieder etwas klüger geworden.